Lebenswert?

Lebenswert?

  • Posted by Lotta Gülzow
  • On Oktober 27, 2015
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Ein Mitglied von Carlottas Familie wurde von den Nazis während des „Euthanasie“-Programms ermordet – das haben ihre Recherchen ans Licht gebracht. Und so rückt die Vergangenheit noch einmal ganz nah an die Gegenwart heran.

Nachdem ich die Memoiren meines Opas gelesen hatte, erkundigte ich mich beim Bundesarchiv nach Jürgen. Leider vergeblich. Also meldete ich mich bei der Heil- und Pflegeanstalt Osnabrück, die mich an das Staatsarchiv Osnabrück weiterleitete. Dort gab es noch eine Krankenakte. Ich fuhr also nach Osnabrück, um die Dokumente einzusehen.

Als ich die Krankenakte sah, war ich überrascht, wie dick diese war. Es war wirklich noch alles da. Die Aufzeichnungen begannen mit dem Grund der Aufnahme in die sogenannte „Irrenanstalt“ und endete mit der Rechnung für den Sarg. Die Akte belegt, dass Jürgens Vater postalisch über jede Kleinigkeit informiert wurde. Beschwerden hatten jedoch keinen Sinn. Der Vater antwortete auf die Mittteilung, dass Jürgen zwangssterilisiert werden sollte, jedoch wurde der Antrag abgelehnt. Jürgen wurde trotzdem sterilisiert.

Was allerdings fehlte war die Nachricht an den Vater vom Tod seines Sohnes. Zwar stand in der Akte, dass Jürgen an Tuberkulose verstorben sei, jedoch gab es keine Unterrichtung an den Vater. Tuberkulose, das ist die Krankheit, an der viele Euthanasie-Opfer der Nazis „offiziell“ starben, nachdem der Ausbruch der Krankheit provoziert worden war, um eine scheinbar natürliche Todesursache vorzutäuschen.

Nach meinem Besuch im Staatsarchiv und einem Gespräch mit meinem Vater dachte ich noch einmal intensiv über das Schicksal der Euthanasie-Opfer nach. Ich habe das vergangene Jahr mit Menschen mit einer geistigen Behinderung zusammen gelebt und gearbeitet. Daher ist es für mich völlig unverständlich, wie so etwas passieren konnte.

Alle Menschen, mit denen ich das letzte Jahr verbracht habe, waren alle auf ihre Art einzigartig. Sie waren unglaublich verständnisvoll, liebevoll und herzlich. Alle, mit denen ich Zeit verbracht habe, haben mir geholfen, wenn es mir nicht gut ging. Viele haben das sogar geschafft, ohne reden zu können. Das ist eine Eigenschaft, die viele Menschen ohne eine Behinderung überhaupt nicht haben.

Ich hatte tiefgehende Gespräche – natürlich über andere Themen, als mit meinen Freunden oder meiner Familie – die sehr persönlich und überaus lehrreich waren. Ich habe sehr viele Dinge gelernt, die mir vorher niemand so beibringen konnte.

Die Nazi-Euthanasie ist und bleibt eine Schande. Und wenn ich mir vorstellen muss, dass es sie heute noch gäbe, wäre mein Leben ein ganzes Stück ärmer, als es heute ist.

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