„Leben im Schatten der Shoah“

Wie haben diejenigen, die dem Morden entronnen sind, nach der Shoah weitergelebt? Kann man eine solch extreme Erfahrung verarbeiten? Was gibt man an die Kinder, was vielleicht sogar an die Enkelkinder weiter? Das Trauma reicht bis in die Dritte Generation hinein, sagt die Psychotherapeutin Elli Kaminer-Zamberk.

Das Interview führten Marion Ram und Jan Oltmanns

Einer ihrer Schwerpunkte ist die Arbeit mit Holocaust traumatisierten Menschen. Können Sie kurz allgemein etwas über die Entstehung von Traumata sagen?

Elli Kaminer-Zamberk: Das Wort Trauma kommt aus dem Griechischen und bedeutet allgemein Verletzung. Im Gegensatz zu einem gewöhnlichen Unglück sind traumatische Ereignisse eine Bedrohung für das Leben oder die körperliche Unversehrtheit. Der Betroffene ist unerwartet unmittelbarer Gewalt und Tod ausgesetzt.

Psychische Traumata sind immer von Gefühlen intensiver Angst, Hilflosigkeit, Kontrollverlust und drohender Vernichtung begleitet und überfordern die normalen Anpassungsstrategien des Menschen. Das Trauma entsteht in dem Augenblick, in dem das Opfer von einer überwältigenden Macht hilflos gemacht wird.

Wird das traumatische Ereignis durch eine Naturgewalt ausgelöst, sprechen wir von einer Katastrophe. Wird es durch Menschen verursacht, sprechen wir von Gewalttaten oder von einem „Man Made Desaster“. Es wird außerdem unterschieden zwischen einer komplexen, extremen Traumatisierung – etwa nach  Vergewaltigungen, Folter, KZ-Aufenthalt, einer akuten, singulären Traumatisierung – zum Beispiel als Zeuge einer Gewalttat – und einer speziellen Psychotraumatologie. Das kann zum Beispiel eine Krebserkrankung sein.

Wie äußern sich solche Traumata?

Elli Kaminer-Zamberk: Je nach Art und Dauer der Traumatisierung können verschiedene Symptome bei den Betroffenen auftreten. Handelt es sich um ein einmaliges traumatisches Erlebnis, das meist detailliert erinnert wird, kann mit fachlicher Hilfe eine vollständige Traumabewältigung geleistet werden.

Menschen, die über einen längeren Zeitraum totalitärer Herrschaft unterworfen waren, wie zum Beispiel Überlebende von Konzentrationslagern, entwickeln Komplexe Traumata. Die traumatischen Ereignisse können hier meist nur fragmentarisch oder gar nicht erinnert werden.

Die Symptome sind unter anderen sogenannte Störungen der Affektregulation: Die Menschen leiden unter Nervosität, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen oder Albträumen und können Depressionen oder Suizidgedanken entwickeln. Das auslösende Ereignis wird oft in Flashbacks wieder erlebt – ganz so, als  ob es gerade jetzt geschieht. Außerdem kann es in vielen Fällen zu einer Störung der Selbstwahrnehmung kommen: Scham und Schuldgefühle, der Verlust fester Glaubensinhalte und ein Gefühl von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung gehören dazu.

Und die Besonderheiten mit Blick auf Shoah-Überlebende?

Elli Kaminer-Zamberk: Die Überlebenden der Shoah, dem Vernichtungskosmos entronnen, haben Unvorstellbares durchmachen müssen. Sie lebten über Monate und Jahren hinweg in ständiger Todesangst und waren ihren Peinigern hilflos ausgeliefert, wurden geschlagen, erniedrigt und ausgehungert. Sie hatten meist alle Familienangehörigen verloren und blieben alleine zurück. Das Urvertrauen der Menschen, das sich in der Überzeugung ausdrückt, dass die Welt ein sinnvoller, geordneter, verstehbarer Ort ist und Menschen im Kern gut, gerecht und moralisch handeln, ist für immer zerstört.

Wie genau verläuft eine solche Traumatisierung bei Shoah-Überlebenden?

Elli Kaminer-Zamberk: Heute wird die traumatische Erfahrung auch als dynamischer Verlauf betrachtet. Sie umfasst die traumatische Situation, die Reaktion darauf und den traumatischen Prozess. Diese Phasen sind aufeinander bezogen und gehen dynamisch auseinander hervor. Der Traumaverlauf ist also ein Prozess, der bei komplex traumatisierten Menschen niemals endet.

Mit Blick auf die Shoah-Überlebenden kann man sagen, dass niemand wirklich an ihrem Schicksal interessiert war, zu grauenhaft und unvorstellbar war das Erlittene dieser Menschen. Die meisten Überlebenden versuchten in den Jahren nach der Verfolgung, jegliche psychische Beeinträchtigung durch das erlebte Trauma zu kompensieren: Sie waren sehr aktiv, arbeiteten hart und waren manchmal außerordentlich erfolgreich. Sie bemühten sich, die traumatischen Erlebnisse zu verdrängen und eine Zukunft für sich und ihre Kinder zu schaffen. Dieser Schutz konnte jedoch mit der Zeit Risse bekommen, denn Erinnerungen lauerten überall und konnten durch Kleinigkeiten wie ein bestimmter Geruch oder Ton, ausgelöst werden.

Viele Menschen dieser Gruppe waren zwar äußerlich gut angepasst und funktionierten innerlich jedoch waren sie leicht verletzbar, unsicher, misstrauisch und litten unter der bereits beschriebenen gesteigerten Erregbarkeit. Mit dem Alter wurden diese Symptome meist schlimmer. Körperliche Schwäche, Krankheit oder der Verlust des Partners können Todesängste, Verlustängste und Verzweiflung erneut und verstärkt aufbrechen lassen. Die traumatisierten Menschen erleben wieder die tiefe unsägliche Einsamkeit nach der Shoah, als sie erkennen mussten, dass sie oft die einzigen Überlebenden ihrer Familien waren. Alleine und ohne einen Ort der Trauer.

Sie behandeln auch Kinder und Enkel von Überlebenden. Wie äußert sich da das Trauma?

Elli Kaminer-Zamberk: Die traumatischen Erlebnisse der Eltern werden auf unterschiedlichster Art an die Kinder weitergegeben. In den meisten Familien sprachen die Eltern nicht über ihre Verfolgungsgeschichte, sie schwiegen, um ihre Kinder zu schützen. Jedoch wurden die traumatischen Erlebnisse der Eltern im Alltag nonverbal und unbewusst trotzdem für die Kinder spürbar. Ein Beispiel: Um das „Gleichgewicht“ in den Familien nicht zu stören, wurden Konflikte vermieden, Wut den Eltern gegenüber durfte weder gespürt noch geäußert werden. Die Kinder fühlten, dass sie ihre beschädigten Eltern schonen und beschützen mussten.

Ein zentrales Thema im Leben der Zweiten Generation ist Trennung und Abschied. Für die Eltern, die überlebt hatten, war Trennung die Katastrophe. Sie wurden von ihren Eltern und Geschwister getrennt und sahen ihre Liebsten nie wieder. Diese psychische Wunde ist geblieben und drohte, immer wieder aufzubrechen, auch wenn sie sich geschlossen zu haben schien.

Für die Kinder, die sehr wohl spürten, was Trennung für ihre Eltern bedeutet  – nämlich Vernichtung-, war jede Trennung und jeder Abschied bedrohlich, denn sie erlebten sich bei dem Versuch der Loslösung selbst als „Täter“, die diese Katastrophe wieder heraufbeschworen. So konnten notwendige Loslösungs- und Individuationsprozesse nur schwer oder gar nicht stattfinden, denn sie waren an enorme Schuldgefühle gekoppelt.

Die Unfähigkeit zur Trennung zwischen dem traumatisierten Elternteil und dem Kind ist von zentraler Bedeutung bei der Tradierung von Traumata, denn Mutter und Kind bleiben ohne Abgrenzung miteinander verbunden. Eine autonome Entwicklung des Kindes zu einer getrennten Persönlichkeit ist so nur schwer möglich. Die eigenen Bedürfnisse, Wüsche und Ziele haben oft keine Bedeutung für diese Kinder, sondern sie versuchen, die elterlichen Wünsche zu erfüllen, zum Beispiel bei der Berufs- und Partnerwahl.

Viele der Töchter und Söhne von Überlebenden sind, ebenso wie ihre Eltern, äußerlich gut angepasst. Viele von ihnen sind kreativ, begabt und erfolgreich, leiden aber oft unter psychischen Problemen, wie Depressionen, Ängsten und Beziehungsschwierigkeiten. Nicht wenige, die kurz nach dem Krieg geboren wurden, haben sich umgebracht.

Und bei den Enkelinnen und Enkeln?

Elli Kaminer-Zamberk: Das Trauma der Großeltern wirkt auch noch bis in die Dritte Generation. Die Identitätsstörung ist nicht mehr ganz so stark ausgeprägt, aber auch hier gibt es Schwierigkeiten bei Trennung und Abschied. Auch die Enkelinnen und Enkel sind oft sehr begabt, intelligent und erfolgreich. Sie reagieren auf Konflikte jedoch eher mit psychosomatischen Problemen.

Was denken Sie, in wie viele folgende Generationen schreibt sich das Trauma der Shoah ein?

Elli Kaminer-Zamberk: Das ist eine gute Frage. Die Shoah war ein Zivilisationsbruch und bestimmt maßgeblich das Leben der Opfer, aber auch der Täter/Mitläufer und deren Nachkommen. In der Tradition des Judentums sind Kinder etwas Heiliges: Der Psychoanalytiker und Sohn von Überlebenden, Isidor Kaminer, schreibt über seine Mutter, „die trotz der ungewissen Zukunft zutiefst daran glaubte: „Mit den Kindern kommt das Glück“ (…) So wie die meisten Überlebenden, obwohl sie so viel Grauenvolles erlitten haben.

Viele Töchter und Söhne von Überlebenden haben Heilberufe ergriffen, wurden Ärzte, Psychotherapeuten oder Sozialarbeiter. Das spricht für emotionale Wärme und Empathie – die wiederum vermisse ich manchmal in den Familien von Tätern und Mitläufern. Dort herrscht oft ein Klima der emotionalen Kälte.

Ich Prinzip kann man Ihre Frage mit einem weiteren Zitat von Kaminer beantworten: „Es war beides, was mich von der Wiege bis heute begleitet: Liebe und Tod, Freude und Leid, Lebensvitalität und Erstarrung, Helligkeit und Finsternis. Eben: Leben im Schatten der Shoah. Der Schatten der Shoah ist lang, nicht nur räumlich sondern auch zeitlich. Es reicht bis in die entlegensten Winkel der Welt und in die nächsten Generationen.“

Kaminer, I.J. (2007) „Dunkelgold“ – Leben im Schatten der Shoah. Vortrag auf der IPAC, Berlin 2007.

Wie heimisch fühlt sich die 3. Generation in Deutschland? Gibt es eine neue Verwurzelung?

Elli Kaminer-Zamberk: Verwurzelung ist ein großes Wort, aber ich glaube schon, dass es wieder erste fragile Annäherungen und Verbindungen gibt. Ich denke, dass sich die Enkelgeneration in Deutschland schon eher zuhause fühlt. Allerdings entstehen zum Beispiel angesichts der antisemitischen Proteste im letzten Sommer schon wieder Angst und Misstrauen. Hier verändert sich das gesellschaftliche Klima: Als ich in Deutschland aufgewachsen bin, war der heute offen ausgesprochene Antisemitismus undenkbar. Heute dagegen „verkleidet“ sich der Antisemitismus und zeigt sich als Antizionismus und vermeintliche Israelkritik.

Dass auf deutschen Straßen wieder zu hören ist „Juden ins Gas“ – so geschehen im Sommer 2014 – war für mich und meine Familie unfassbar. Viele Angehörige der zweiten Generation fühlten sich davon überwältigt – als hätte man all die Jahre, hier in Deutschland, in einer Blase gelebt. Die Realität aber zeigt: Es gab ihn immer, den Judenhass, heute ist er nur gesellschaftsfähig.

Viele  Angehörige der dritten Generation sehen das weniger angstvoll. Sie argumentieren, Rassismus und Antisemitismus gehörten nun einmal zu einer Gesellschaft, damit müsse man umgehen. Außerdem sei die Lage in vielen Ländern Europas viel angespannter als in Deutschland. Aber grundsätzlich haben wir, seit den offen antisemitischen Demos, eine neue Situation. Wie heimisch sich die dritte Generation damit hier noch fühlt, wird sich zeigen.

Traumen von Soldaten, von Kriegsflüchtlingen, von Kriminalitätsopfern spielen in der gesellschaftlichen Debatte inzwischen eine relativ große Rolle. Berichte über die Traumatisierung von Holocaust-Überlebenden und deren Kindern sucht man fast vergeblich. Wie kommt das Ihrer Meinung nach?

Elli Kaminer-Zamberk: Schon kurz nach dem Krieg, im Jahre 1945, wünschte man sich in Deutschland einen Schlussstrich, sprach von der „Stunde Null“ und einem Neubeginn. Die Auseinandersetzung und Aufarbeitung der Judenvernichtung in Deutschland setzte erst in den 60er-Jahren ein. Mit dem Auschwitzprozess in Frankfurt am Main und der Studentenbewegung, als die Kinder der Täter und Mitläufer wissen wollten, was ihre Eltern und Großeltern in der Zeit des Nationalsozialismus getan haben.

Mit der Serie „Holocaust“ in den 70er-Jahren gelangte die Vernichtung des europäischen Judentums in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit. Bis heute wird darüber geforscht und an verschiedenen Gedenktagen der Opfer gedacht und gemahnt. Das Gedenken wird allerdings auf bestimmte Tage reduziert und geschieht auf einer intellektuellen und rationalen Ebene. Sich mit den Überlebenden, ihrer Verfolgungsgeschichte und den  Konsequenzen daraus emotional zu beschäftigen, ist zu bedrohlich, da es Gefühle der Scham und Schuld auslösen kann.

Kommen wir zum politischen Aspekt: Eine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion hat ergeben, dass Nachkommen der Überlebenden keine psychosoziale Hilfe in Anspruch nehmen könnten. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Elli Kaminer-Zamberk: Ich halte das für eine Schande. Das gilt übrigens auch für Einrichtungen, die direkt Überlebende unterstützen. Der „Treffpunkt“ in Frankfurt zum Beispiel, ein psychosoziales Zentrum für Überlebende der Shoah, muss jedes Jahr bangen, ob genügend Gelder für den Weiterbetrieb zusammenkommen. Ich kann nicht verstehen, dass es für eine Stadt wie Frankfurt oder das Land Hessen nicht selbstverständlich ist, Überlebenden der Shoah einen Rahmen und geschützten Raum zur Verfügung zu stellen.

Überlebende werden in Deutschland nicht ausreichend wahrgenommen. Die große Mehrheit der Deutschen interessiert sich nicht für das Schicksal von Überlebenden, vielen ist das Thema unangenehm, weil man mit so viel menschlichen Leid konfrontiert wird oder möglicherweise auch mit seiner eigenen Familiengeschichte.

Am Ende geht es immer um Empathie: Wenn die vorhanden ist, kann man viel begreifen.

Elli Kaminer-Zamberk ist Gruppenanalytikerin und arbeitet in eigener Praxis für Gruppenanalyse und Psychotherapie sowie im Institut für Traumabearbeitung und Weiterbildung in Frankfurt. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Arbeit mit traumarisierten Menschen, insbesondere mit Überlebenden des Holocaust. Elli Kaminer-Zamberk lebt in Frankfurt am Main.

1 Comments

buy viagra
Thank you for this article. I would also like to talk about the fact that it can possibly be hard when you're in school and simply starting out to create a long history of credit. There are many college students who are simply just trying to make it through and have a good or favourable credit history can often be a difficult element to have.

Leave Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *