Größer als die eigene Geschichte

Eine Tür geht auf – und schon beim ersten Schritt in diese unbekannte Wohnung breitet sich vor dem Zuschauer ein ganzes Füllhorn an Geschichten aus. Unter anderem diese: Ein jüdisches Paar ist mit einem hohen Nazifunktionär befreundet, flieht vor den Nazis nach Israel – und nimmt diese Freundschaft nach dem Krieg wieder auf, als habe es die Shoah nie gegeben. Und dies, ohne dass der Rest der Familie davon weiß.

Was aberwitzig klingt, ist die Story des Dokumentarfilms „The Flat“ von Arnon Goldfinger. Der Filmemacher, Enkel eben jenes jüdischen Paares, begibt sich auf Spurensuche und stellt die Frage, welche Bedeutung die Geschichte für das eigene Handeln, die eigene Identität hat. REMEMBERING hat mit Arnon Goldfinger über den Film, die Auseinandersetzung mit der – eigenen Geschichte – und die Notwendigkeit der Erinnerung gesprochen.

Das Interview führte Jan Oltmanns

Die Geschichte, die Sie in „The Flat“ erzählen ist geradezu unglaublich. Können Sie noch einmal schildern, wie es dazu kam?

Arnon Goldfinger: Meine Großmutter Gerda lebte 70 Jahre lang in derselben Wohnung in Tel Aviv, nachdem sie mit meinem Großvater und ihren Kindern Ende 1936 von Berlin nach Palästina emigrierte. Als sie im Alter von 98 starb, wurden meine Familie und ich in die Wohnung gerufen, um sie aufzulösen. Ich hörte auf meinen Instinkt als Filmemacher und nahm zu diesem ersten Treffen meine Kamera mit.

Die Wohnung war im dritten Stock eines Bauhaus Gebäudes im Herzen von Tel Aviv. Wenn man von den Fenstern nicht den Blick über Tel Aviv hätte, hätte man glauben können, man sei in Berlin. Einfach alles dort, die Bücher, die Möbel, stammten aus Deutschland.

Mir war klar, dass dieser Ort verschwinden würde, deswegen machte ich Filmaufnahmen für das Familienarchiv. Ich hatte noch nicht die Absicht, daraus einen Dokumentarfilm zu machen. Das kam erst später.

Wenn ich Sie richtig verstehe, wussten Sie nicht viel von ihrer Familiengeschichte, bevor sie mit der Recherche für den Film begannen – zum Beispiel über die Beziehung zwischen ihren Großeltern und dem Nazi Funktionär von Mildenstein?

Arnon Goldfinger: Von beiden Geschichten, die ich im Film erzähle – die Beziehung meiner Großeltern zu den von Mildensteins und das Schicksal meiner Urgroßmutter Susanne Lehmann, die im Holocaust ermordet wurde, hatte ich vorher noch nie gehört. Sie sind aber heute für mich gleich wichtig. Kurz: Natürlich wusste ich vom Leben meiner Großeltern, aber als ich anfing, an dem Film zu arbeiten, wurde mir schnell klar, wie wenig das war.

Ihr Film ist ja mehr als eine Familiengeschichte, sondern auch eine Form der Auseinandersetzung mit der Shoah. Wie wichtig ist für Sie die aktive Erinnerung?

Arnon Goldfinger: Ich denke seit einiger Zeit über diese Frage nach, denn es ist eine große Frage: Was bedeutet es, all das Vergangene wieder hervorzuholen? Geht es um Information? Geht es darum, die eigene Familiengeschichte zu erzählen? Ja, aber es ist mehr als das.

Zunächst einmal sucht der Protagonist in meinem Film die Wahrheit und findet etwas sehr Verstörendes. Aber warum ist es überhaupt so wichtig, nach der Wahrheit zu suchen? Die Antwort darauf ist meiner Meinung nach zweigeteilt.

Für mich war die Erkenntnis sehr wichtig, dass es eine größere Geschichte gibt ist, die über meine direkte Familiengeschichte hinausweist. Es ist wichtig zu realisieren, dass du selbst Teil einer langen Geschichte bist, die dich meist unbewusst beeinflusst. Wer die Geschichte seiner Familie kennt, kann vieles über sich selbst lernen. Hinzu kommt: Meine Generation wurde in Israel stark beeinflusst von der nationalen Erzählung von Pionieren, die nach Israel kamen um „den Neuen Juden“ zu schaffen. Die einzige historische Verbindung, die sie versuchten neu zu beleben, war die zur jüdischen Gemeinschaft, die vor 2000 Jahren im Lande Israel lebte. Alles, was aus der Diaspora kam, wurde tendenziell vernachlässigt. In den Herzen vieler neuer Einwanderer gab es eine Zäsur, durch die sie von ihrer heimischen Kultur abgeschnitten wurden.

Aber man kann nicht leben, ohne die eigene Geschichte zu kennen. Man muss sich selber Fragen stellen: Wie wurde ich zu dem Menschen, der ich bin? Wo sind meine Wurzeln? Das tun in Israel inzwischen immer mehr Menschen. Denn man kann seine eigene Identität nicht auf eine nur 60-jährige Geschichte gründen. Besonders da die meisten Israelis die Nachkommen von Einwanderern sind..

Mit „The Flat“ versuchte ich also nicht nur, eine Geschichte zu entdecken, sondern auch, eine Verbindung zur Vergangenheit herzustellen. Ich glaube nämlich, dass egal wie sehr man versucht, seine Vergangenheit zu negieren, irgendwann wird diese Vergangenheit an deine Tür klopfen. Die Reise die ich durch den Film unternommen habe, hat mir gezeigt, dass die zweite Generation der Holocaust Überlebenden sich nicht traut hat, zurück zu schauen. Wahrscheinlich war es für sie zu schwierig ihre Eltern an die schmerzhaften Erinnerungen heranzuführen, außerdem haben viele der ersten Generation, der Überlebenden, einfach nicht darüber sprechen wollen. Aber dieses Schweigen hat eine Mauer errichtet, eine emotionale Barriere, die Leid verursacht. Die Geschichte fordert jetzt die dritte Generation.

Wie bewerten Sie die offizielle Erinnerungskultur in Israel?

Arnon Goldfinger: Ich denke, am bedeutsamsten ist hier der nationale Holocaust Gedenktag Yom HaShoah. Manchmal braucht es solch offizielle Anlässe, um Reflektion anzustoßen. Was die Art und Weise und den Inhalt dieser Erinnerung angeht, muss man sich klarmachen, dass sich die Zeiten ändern – und mit ihnen auch die Erinnerung selbst. Heute müssen wir andere Perspektiven und andere Methoden finden, wenn wir die jungen Menschen ansprechen wollen. Für meine Generation beginnt das damit, dass wir anfangen, die Geschichte mit unseren Augen, nicht mit den Augen unserer Eltern, zu sehen. Das ist übrigens auch das, was ich in meinem Film gemacht habe: Ich habe versucht, so offen wie möglich auf die Dinge zu blicken. Das erlaubte es mir eine Geschichte zu erzählen, die vermutlich noch vor zehn Jahren niemand so erzählt hätte.

Das führt mich zur nächsten Frage: Wie wurde der Film in Deutschland und Israel aufgenommen? Gab es da Unterschiede?

Arnon Goldfinger: In Israel war der Film ein großer Erfolg. Viele Menschen haben sich den Film angeschaut – was für einen Dokumentarfilm nicht selbstverständlich ist. Viele Menschen haben den Film sogar zwei Mal angeschaut – beim zweiten Mal dann mit ihren Eltern oder ihren Kindern und Enkeln. Weil die Geschichte, die ich erzähle, auch etwas mit ihrer eigenen Geschichte zu tun hat. Vor allem das Schweigen über die Vergangenheit. Es hat mich erstaunt, dass viele Menschen in Israel sich genauso fühlen, wie ich, weil ich dachte, es handele sich um ein Phänomen in meiner Familie.

In Deutschland war der Film ebenfalls ein Erfolg. Und das als ausländischer Dokumentarfilm, der sich mit einem für die Deutschen sehr schwierigen Thema, dem Holocaust, befasst. Hinzu kommt, dass die deutschen Protagonisten in dem Film ihre Verbindung zur schrecklichen Vergangenheit unterdrücken oder nichts darüber wissen. Ich war daher wirklich überrascht, wie offen das deutsche Publikum war. Ich glaube ein Grund dafür ist, dass der Film meine Großeltern als eine deutsche Familie zeigt. Meine Großeltern waren Deutsche Juden, die ihr Zuhause und ihre Heimat verlassen mussten. Man könnte sagen, dass sie nach Palästina (und später Israel) ins Exil gingen. Im Herzen blieben sie aber Deutsche, sogar sehr patriotische Deutsche.

In der Rezeption gab es einen wirklich interessanten Unterschied zwischen Israelis und Deutschen: Am Ende des Films konfrontiere ich Edda von Mildenstein – der Tochter des Nazifunktionärs Leopold von Mildenstein – mit den Fakten über ihren Vater. Das ist eine sehr konfliktträchtige und starke Szene, die eine Menge Fragen aufwirft. Vom israelischen Publikum bin ich für diese Szene mitunter heftig kritisiert worden. Ich wurde gefragt, wie ich es wagen konnte, so mit dieser netten, älteren Frau umzugehen und sie mit den Fakten zu konfrontieren.

Für mich waren die Reaktionen des israelischen Publikums positiv. Denn ich wollte Edda von Mildenstein exakt so porträtieren: Als einen Menschen, der auch Opfer des eigenen Vaters und seiner Lügen ist. Dass sich Israelis mit ihr identifizieren konnten, zeigt auch, wie sich die Art und Weise, wie wir Israelis mit der schrecklichen Vergangenheit umgehen, verändert hat.

In Deutschland dagegen gab es solche Reaktionen fast nie. Ich glaube, dass die Leute peinlich berührt waren und sich über Edda von Mildensteins Reaktion geschämt haben, als sie mit der Wahrheit konfrontiert wurde.

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