„Er wird schon nicht auf Menschen geschossen haben“

„Er wird schon nicht auf Menschen geschossen haben“

  • Posted by Julius Hackspiel
  • On Oktober 27, 2015
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„Mein Opa war in Afrika“. Afrika, das ist aufregend und exotisch. Das sind Palmen, Kamele, die Wüste, immer gutes Wetter. Als Kind war Julius immer beeindruckt von seinem Großvater. Mein Opa, ein Abenteurer! Erst später fragt er sich: Was hat er dort eigentlich gemacht? Jetzt hat er die Antworten.

„Naja, er war halt Soldat“, wurde mir gesagt. „Leutnant sogar! Bei der Flak, keine Sorge. Da wird er schon nicht auf Menschen geschossen haben. Und zu seinen Soldaten war er auch immer nett. Der Opa war einfach ein guter Mensch.“

Das glaube ich sofort. Bis zu seinem Tod vor circa zehn Jahren habe ich ihn als einen zwar stillen, aber freundlichen alten Mann in Erinnerung. Aber je älter ich werde und je mehr ich mich mit der Thematik auseinandersetze, desto öfter frage ich mich, wie es sich vereinbaren lässt, ein guter Mensch zu sein und gleichzeitig in den Krieg zu ziehen. Was hat das mit ihm gemacht? Warum wollte er seiner Familie nie davon erzählen? Hatten seine Erlebnisse Auswirkungen auf die Erziehung seiner Kinder, gar auf mich? Und warum wird das Unbekannte im Nachhinein verteidigt, ja geschönt?

Fragen, die schließlich dazu führten, mich genauer mit seiner Geschichte auseinanderzusetzen. Durch Gespräche allein kam ich nicht weiter, das habe ich schnell gemerkt. Ich musste mir meine Antworten auf einem anderen Weg besorgen. Geholfen hat mir dabei vor allem seine Akte aus dem deutschen Militärarchiv und eines seiner Fotoalben.

War das Fotoalbum ein unbewusster Versuch, das Erlebte zu verarbeiten? Selbst zu schönen, um das Grauen zu vergessen?

Fotoalbum und Akten hinterlassen jedenfalls den Eindruck, dass mein Großvater möglicherweise naiv an die Sache herangegangen ist. Und vielleicht war diese Naivität, gepaart mit einem indoktrinierten Idealismus, die Ursache, warum er im Nachhinein so selten über diese Zeit seines Lebens gesprochen hat. Ich kann mir gut vorstellen, dass, je älter er wurde und je länger der Krieg andauerte, er seinem jugendlichen Leichtsinn zunehmend kritisch gegenüberstand. Ja, dass er sich möglicherweise sogar dafür geschämt hat, als der er gemerkt hat, dass Krieg so unvorstellbar grausam sein kann.

Wahrscheinlich schämt sich jeder für Dinge, die man in der Jugend angestellt hat. Aber was macht es mit einem Menschen, zumal einem gut ausgebildeten, aus einer bürgerlichen Familie stammenden Menschen, dessen „Jugendsünde“ es ist, mit Anfang Zwanzig für ein Land in einen Krieg zu ziehen, das unglaubliches Leid über Millionen Menschen bringen wird? Wenn die eigenen Ideale nicht nur ein jugendlicher, moralischer Ausrutscher waren, sondern in ihrem Namen eines der schlimmsten Verbrechen der Menschheitsgeschichte begangen wurde?

Diese Frage konnte mir mein Großvater leider eben so wenig beantworten, wie sämtliche Akten und Fotos.

Quelle
Militärarchiv Freiburg; Signatur der Personalakte: PERS 6/242408

Bildquellen

  • Julius Startbild: Julius Hackspiel

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