Die Gegenwart der Geschichte: Zum Umgang der Deutschen mit der Shoah

Die Gegenwart der Geschichte: Zum Umgang der Deutschen mit der Shoah

  • Posted by Jan Oltmanns
  • On Dezember 2, 2015
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Der öffentliche Umgang mit der Geschichte ist nicht nur bloße Beschäftigung mit der Vergangenheit, sondern verhandelt immer auch das aktuelle Selbstverständnis der Gesellschaft. Die Beschäftigung mit der Shoah ist eingebettet in den Wandel des nationalen Selbstbildes des Deutschen.

Von Andreas Strippel und Thorsten Logge

In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die gesellschaftliche Auseinandersetzung mit der Ermordung der europäischen Juden in Deutschland geteilt in Ost und West. Im Westen fand sie bis in die späten 1950er-Jahre hinein kaum statt. Die Deutschen nahmen hier selbst eine Opferhaltung ein und arbeiteten sich, wie der Historiker Norbert Frei belegt, an imaginierten Kollektivschuldthesen ab, indem sie behaupteten, sie hätten von den verbrecherischen Dimensionen des Nationalsozialismus nichts gewusst. Dabei führten bis zur Gründung der Bundesrepublik schon die Nürnberger Prozesse zahlreiche Details über die Verbrechen vor Augen und machten deutlich, dass sich das Morden gar nicht hatte verbergen lassen: Die Ermordung der europäischen Juden – von den Deportationen bis zur systematisch-industriellen Vernichtung in den Konzentrationslagern – war bis zu einem gewissen Grad ein öffentlicher Vorgang.

Auch medial war diese Selbstentlastung präsent, etwa im Kino oder im Fernsehen. Entlastungs- und Opfergeschichten vom Trümmerleben sowie die Legende des „anständigen deut-schen Soldaten“ prägten das Bild bis weit in die 1980er-Jahre hinein. Nur wenige Filmpro-duktionen nahmen in den späten 1940er und den 1950er-Jahren eine kritische Haltung ein.

NS-Aufarbeitung in der DDR

Die DDR behandelte die Verbrechen des Nationalsozialismus bis in die 1950er-Jahre hinein offensiver. Teile der ostdeutschen Führung hatten selbst Verfolgung und Drangsalierung erlitten und so wurde der Kampf gegen den Faschismus zu einem Eckpfeiler des Selbstverständnisse der SED, jedoch integrierte auch der ostdeutsche Staat Nazis und bediente den Opfer-Mythos der Deutschen. Jedoch widmete sich die DDR in den 1950er-Jahren zunächst deutlich entschiedener der juristischen Aufarbeitung des Nationalsozialismus als die Bundes-republik. Allerdings galt die Ermordung der europäischen Juden hier nur als ein Verbrechen unter anderen: Der brutale deutsche Vernichtungskrieg gegen Polen und vor allem gegen die Sowjetunion sowie die Aufarbeitung der Verfolgung von Kommunisten nahmen mehr Raum ein.

Das Drängen der Erinnerung

Im Westen kehrten die nationalsozialistischen Verbrechen erst mit dem Ulmer Einsatzgruppen-Prozess 1958 und nach einer Welle von Hakenkreuz-Graffiti, die Ende der 1950er-Jahre im öffentlichen Raum platziert wurden, in die öffentliche Wahrnehmung zurück.

Entscheidender waren aber die Ereignisse in den 1960er-Jahren: Der Eichmann-Prozess 1961 in Jerusalem, die Frankfurter Auschwitzprozesse zwischen 1963 und 1968 sowie die Debatten um die strafrechtliche Verjährung von Mord im Bundestag 1960, 1965 und 1969.

Der Prozess gegen Adolf Eichmann war ein internationales Medienereignis, das die Shoah endgültig im internationalen Bewusstsein verankerte. Die Film- und Tonaufnahmen des Prozesses wurden zu oft zitierten und zentralen Erinnerungsbildern. „Eichmann in Jerusalem“, Hanna Arendts „Bericht über die Banalität des Bösen“, der zunächst als Reportage-Reihe im Magazin „The New Yorker“ erschienen war, führte in Deutschland, Israel und den USA zu heftigen Kontroversen.

1963 begann der Frankfurter Auschwitz-Prozess. Auch hier war das öffentliche Interesse groß. Ähnlich wie im Eichmann-Prozess waren es vor allem die Aussagen der Überlebenden über die barbarischen Verhältnisse in Auschwitz, die Aufsehen erregten.

Neue Mord-Definition

Die Prozesse führten auch zu einer kontroversen politisch-rechtlichen Debatte über die strafrechtliche Verjährung von Mord in Deutschland. Das deutsche Strafrecht sah eine Verjährungsfrist von 20 Jahren für Mord vor. Spätestens in den 1960er-Jahren lief damit die Masse der nicht aufgearbeiteten NS-Verbrechen Gefahr zu verjähren.

1965 war die CDU/FDP-Regierung unter Ludwig Erhard der Ansicht, eine Veränderung der Verjährungsfristen sei verfassungsrechtlich nicht machbar und verzichtete auf eine entsprechende Gesetzesvorlage. Dies erleichterte eine überfraktionelle Einigung in einer sehr heftig geführten Debatte des Bundestages. Der Kompromiss führte jedoch nicht zur Aufhebung der Verjährung, sondern zunächst nur zu einer Neuberechnung des Verjährungsbeginns auf die Gründung der Bundesrepublik. Damit war das Problem nicht gelöst, sondern lediglich um einige Jahre vertagt. 1969 wurde die Verjährung für Mord vom Bundestag auf 30 Jahre verlängert, 1979 schließlich ganz aufgehoben. Nicht verlängert oder aufgehoben wurde die Verjährung für Beihilfe zum Mord. Sie galt ab Ende der 1960er-Jahre und verhin-derte unter anderem einen Prozess gegen die Schreibtischtäter des Reichssicherheitshauptamtes.

Die 1970er- und die frühen 1980er-Jahre bezeichnete der Freiburger Historiker Ulrich Her-bert als eine zweite Verdrängungsphase. Ihr Ende wurde 1979 mit der Ausstrahlung der US-Fernsehserie „Holocaust“ eingeleitet. Die vierteilige Fernsehserie zeichnete am Beispiel der fiktiven jüdischen Familie Weiss das Schicksal von Millionen Jüdinnen und Juden im nationalsozialistischen Deutschland nach und eröffnete einen neuen Raum für die öffentliche Auseinandersetzung mit der Shoah. Dabei wurde auch die Frage nach der historischen Korrekt-heit fiktionaler Darstellungen durch die Serie diskutiert.

Ein neues Nationsverständnis?

Der so genannte Historikerstreit in den 1980er-Jahren kennzeichnet einen weiteren Wende-punkt in der erinnerungskulturellen Auseinandersetzung mit dem Holocaust. Der umstrittene Historiker Ernst Nolte hatte 1986 die Präzedenzlosigkeit der nationalsozialistischen Verbre-chen negiert und die stalinistischen Massenverbrechen als Ursache für die Shoah ausgemacht. In der heftigen Auseinandersetzung um Noltes Thesen entstand auf Seiten seiner Kritiker Mitte der 1980er-Jahre auch ein neues (west-)deutsches Verständnis von Nation, das sich nicht mehr positiv auf Teile des Nationalsozialismus beziehen sollte, wie den Autobahnbau oder einen vermeintlichen antikommunistischen Abwehrkampf. Als Gegenangebot zum alten, völkisch durchtränkten Nationalismus formulierte der Philosoph Jürgen Habermas die Idee des Verfassungspatriotismus als eine politisch-demokratische Identifikation mit der demokratischen Bundesrepublik.
Ende der 1980er-Jahre ging die Öffentliche Auseinandersetzung um den Antisemitismus vor 1945 weiter. Ausgangspunkt war eine Rede des damaligen Bundestagspräsidenten Phillip Jenninger zum 50. Jahrestag der Novemberpogrome von 1938 im deutschen Bundestag. Jenninger bemühte sich in seiner Rede darum, die antisemitische Grundhaltung der deutschen Mehrheitsgesellschaft zur Zeit des Pogroms herauszuarbeiten. In der öffentlichen Wahrnehmung wurde die Rede – auch durch verkürzte und sinnentstellende Zitate – als Relativierung empfunden. Jenninger musste zurücktreten.

In der Kontroverse um die Jenninger Rede zeigte sich zweierlei. Dass man sich nicht mehr positiv auf die Jahre 1933 bis 1945 beziehen wollte – was Jenninger auch nicht getan hatte – und das für diese Position erstaunlich wenig Sachkenntnis über die diese Zeit nötig war. Denn es war nicht nur schlechte Rhetorik, die Jenningers Karriere beendete, sondern auch die falsche Vorstellung, dass die seinerzeit tatsächlich vielen Menschen, die die Positionen der Nazis teilten, von ihnen „fasziniert“ waren.

Erinnerung an die Shoah nach der Wende

In den 1990er-Jahren schließlich wurde in Deutschland intensiv über den antisemitischen und rassistischen Charakter des Nationalsozialismus und des Holocaust gestritten. Die NS-Zeit wurde zum politisch-pädagogischen Negativ des wiedervereinigten Deutschlands. Das Miss-trauen einiger europäischer Partner und die Angst vor einem negativen Image im Zuge der brutalen Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte und Migranten beschleunigte eine Abgrenzung des öffentlichen Diskurses von der NS-Zeit, was jedoch nicht ohne heftigste Kontroversen einherging.

Mit der Öffnung der Archive Osteuropas nach dem Ende der Blockkonfrontation vermehrte sich das Wissen über den Holocaust stark. Der Spielfilm „Schindlers Liste“ von Steven Spiel-berg prägte in dieser Zeit die öffentliche Debatte. Dies zeitigte auch politische Folgen: Am 3. Januar 1996 proklamierte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den Tag des Ge-denkens an die Opfer des Nationalsozialismus“. Dieser wird seither jährlich am 27. Januar, dem Tag der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz, mit einer Feierstunde im Deutschen Bundestag begangen.

Täter und Motive geraten in den Fokus

Inhaltlich gerieten die Dynamik des Verbrechens und das Handeln der Täter immer stärker in den Fokus von Wissenschaft und Öffentlichkeit. Zugleich zeigten die Reaktionen auf die Wanderausstellungen über die Verbrechen der deutschen Wehrmacht Ende der 1990er- und Anfang der 2000er-Jahre und die teilweise wütenden Reaktionen auf das Buch „Hitlers willige Vollstrecker“ von Daniel Goldhagen, wie stark die Abwehrreflexe in Teilen der Bevölkerung noch immer waren. Ein Beispiel dafür ist der Schriftsteller Martin Walser, der sich noch 1998 durch eine imaginierte „Auschwitzkeule“ in seinem nationalen Empfinden bedroht fühl-te und das Recht einforderte, sich als Deutscher nicht mit der Shoah beschäftigen zu müssen.

Insgesamt verschoben die Debatten seit den 1990er-Jahren die Schwerpunkte wieder weg vom Holocaust und der Geschichte der Opfer hin zu den Befindlichkeiten der Täter und ihrer Nachfahren. Gleichzeitig trugen die Geschichtsdebatten und die Gedenktage dazu bei, die Shoah als moralisch verwerflichen, negativen Bezugspunkt im kollektiven Gedächtnis der Deutschen zu verankern. Dies bedeutet aber nicht, dass sie auch ein Bezugspunkt kritischer Selbstreflektion kollektiver Identität ist.

Heute ist die Shoah ein fester Bestandteil der öffentlichen Erinnerungskultur in Deutschland, auch wenn in der Bevölkerung die individuelle Verknüpfung mit der eigenen Familiengeschichte und dem Handeln der eigenen Vorfahren selten vollzogen wird. Das Gedenken entfernt sich dabei immer mehr von der Erinnerung an das konkrete Leiden der Opfer, ihr Sterben oder knappes Überleben. An ihre Stelle tritt allerdings nicht das Erinnern an die Täter und ihre Taten, sondern ein eher abstraktes Gedenken als Mahnung und Auftrag, das sich der weiteren Reflexion über die Präzedenzlosigkeit des Verbrechens entzieht.

Kein Fazit: Geschichte ist immer gegenwärtig

Die öffentliche Erinnerung an die Shoah (nicht nur) in Deutschland unterliegt gesellschaftli-chen und politischen Konjunkturen und ist abhängig vom jeweiligen gesellschaftlichen Kon-text. Schuldabwehr während des Wiederaufbaus in Westdeutschland, antikommunistischer Abwehrkampf während der Blockkonfrontation mit dem Osten, Antifaschismus als DDR-Staatsräson, die nationale Integration von West- und Ostdeutschen in eine gemeinsame Nationalgeschichte nach der deutschen Einheit oder die historisch-moralische Legitimation von deutschen Militäreinsätzen im Ausland seit den späten 1990er-Jahren – die Geschichte diente und dient dabei stets dem Gegenwärtigen.

Im Sich-Erzählen geben Einzelne oder Gruppen sich selbst eine Geschichte und verorten sich damit in der Welt. Indem Ereignisse der Vergangenheit ausgewählt, sortiert, bewertet, in eine Ordnung gebracht und erzählt werden, begründen sich Erzählerinnen und Erzähler im Hier und Jetzt: Dies bin ich – und deshalb bin ich so geworden. Geschichte hat somit immer eine begründende Funktion für ein bestimmtes Sein in der Gegenwart, unabhängig davon, ob sie bewusst oder unbewusst erzählt wird.

Indem Geschichte die Vergangenheit so erzählt, dass die Gegenwart Sinn und Bedeutung erhält, wird immer auch ein Blick in die Zukunft gerichtet: Weil wir so wurden, wie wir sind, handeln wir jetzt und in Zukunft auf eine bestimmte Weise. Im Glauben, aus der Geschichte gelernt zu haben, wird das Handeln der Gegenwart und in der Zukunft begründbar und begründet. Identität im Hier und Jetzt wird damit zum Ergebnis einer historischen Entwicklung – und erscheint dadurch als natürlich. Die historische Begründung der Gegenwart läuft dabei allerdings Gefahr, bestimmte Perspektiven auf das Vergangene als zweite Natur zu zementieren: Ist das Vergangene nicht Fakt und damit unhintergehbar? Zeigt denn die Geschichte nicht immer, wie es tatsächlich gewesen ist?

Tatsächlich aber erzählt die Geschichte vor allem eines: Wie jemand zu einem bestimmten Zeitpunkt und in einer bestimmten Situation Informationen ordnet und erzählt – und dies zu einem gegenwärtigen Zweck. Und oftmals ist dieser Zweck den Erzählenden selbst gar nicht so klar, sodass aus Perspektive in ihren Augen oft Wahrheit wird.

Wer die Zukunft ändern will, muss die Vergangenheit ändern. Dies aber geht nur in der Gegenwart. Indem wir uns dem Erzählen und dem Erzählten zuwenden, können wir lernen, unsere Geschichten bewusster zu erzählen und Geschichten von Anderen besser zu verste-hen. Wenn aus Wahrheit wieder Perspektive wird, werden neue Geschichten möglich.

Thorsten Logge arbeitet als Historiker an der Universität Hamburg. Sein Schwerpunkt ist die öffentliche Darstellung von Geschichte.

Andreas Strippel ist Historiker und Mitglied des REMEMBERING-Teams. Einer seiner Arbeitsschwerpunkte ist die historische Rassismus- und Antisemitismusforschung. Außerdem arbeitet er als freier Autor für das zeitgeschichtliche und politische Blog Publikative.org.

 

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