Der Judenmord in der deutschen Erinnerungskultur

Der Judenmord in der deutschen Erinnerungskultur

  • Posted by Jan Oltmanns
  • On Dezember 13, 2015
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Wie gingen die Deutschen nach dem Krieg mit Auschwitz um? Was wurde thematisiert, was weggelassen – was aufgearbeitet, was beschönigt? Und warum? Ein Essay von Peter Reichel.

Vorbemerkungen

Für die Erinnerungskultur und Geschichtspolitik der Ersten Bundesrepublik sind drei Merkmale besonders auffällig: Ihr Dauerthema war nahezu exklusiv der Nationalsozialismus. Trotz dieser Fokussierung und zahlreicher Deutungskontroversen blieben Kernfragen der NS-Geschichte tabuisiert. Verstärkt durch ihre Funktionalisierung im innerdeutschen Systemkonflikt, war die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit hochkontrovers und hochmoralisch. So sehr, dass sie auch noch die Darstellungen und Bewertungen der ‚zweiten Geschichte’ des Nationalsozialismus in ihren empirischen Erträgen beeinträchtigt hat. Ob früh von der „Unfähigkeit zu trauern“ gesprochen wurde, später von der „zweiten Schuld“ oder – erst jüngst wieder – von einem „Scheitern an der Vergangenheit“. Relevanter erscheinen mir Fragen wie: Was wurde in diesem erinnerungspolitischen Prozess jeweils thematisiert, was nicht und warum? Welches Bild der NS-Vergangenheit wurde konstruiert, und in welchem gesellschaftlichen Selbstverständnis? Damit bin ich bei meiner zweiten Vorbemerkung und leitenden These.

Insofern die Überwindung der NS-Diktatur von Außen herbeigeführt wurde und nicht in einer  sozialen Revolution aus der deutschen Gesellschaft selbst heraus erfolgte, fügt sich der nachnationalsozialistische Transformationsprozess einem doppelten Parameter: erstens dem externen Postulat nach politischem Systemwandel, Haftung für Folgen der Diktatur, Wiederherstellung von Rechtsstaatlichkeit und politisch-kultureller Demokratisierung und zweitens der Frage nach dem deutschen Selbstverständnis. Eine Vermittlung zwischen diesen beiden Prozessen gelang nicht, konnte wohl auch nicht gelingen, weil nach der Gleichschaltungserfahrung die wiederhergestellte Trennung von politischer und kultureller Sphäre als sakrosankt gelten musste. Dadurch wurde aber eine asymmetrische Entwicklung in beiden Sphären begünstigt: Die Vergangenheitsbewältigung:  politischer Systemwandel und die politisch-justizielle Bearbeitung der Diktaturfolgen galten im wesentlichen Ende der sechziger Jahre als abgeschlossen, als mit dem Machtwechsel zudem zwei Repräsentanten des ‚anderen Deutschland’ an die Staatsspitze kamen: Willy Brandt und Gustav Heinemann.

Erst jetzt, im zweiten Nachkriegsjahrzehnt, wurde erkennbar, dass es noch eine viel weitergehende Frage gab, die bis in die Gegenwart unklar und auch umstritten geblieben ist, ob und wie ein positives gesellschaftliches Selbstverständnis aus dem extrem negativen Großereignis des Weltkrieges und der Gewaltverbrechen gewonnen werden kann. Jetzt erst begann man, die Rassenpolitik und den Völkervernichtungskrieg, mit der Ermordung der Juden im Zentrum, als den Wesenskern des nationalsozialistischen Unrechtsstaates zu erkennen. Die Vielzahl und Heftigkeit aller geschichtspolitischen Debatten, die nun folgten, vom Historiker-Streit bis zur Debatte um das Holocaust-Mahnmal und die Wehrmachtsausstellung waren Selbstverständnisdebatten. Damit bin ich bei meinem Gegenstand, dem Judenmord als Thema der Ersten und Zweiten Bundesrepublik.

Am Anfang war nicht Auschwitz

Am Anfang stand nicht, konnte noch nicht stehen, was heute im Zentrum des allgemeinen historisch-politischen Bewusstseins steht: Dass mit Auschwitz der Glaube an den zivilisatorischen Fortschritt zerbrochen und die Moderne in ihrer inneren Widersprüchlichkeit erkennbar geworden ist. Auschwitz war möglich nicht trotz, sondern wegen des hohen wissenschaftlich-technischen Entwicklungsstandes in Deutschland, einer effizienten Bürokratie und gesellschaftlichen Infrastruktur. Mit Auschwitz ist auch der Glaube an die verantwortliche Selbstbindung moderner Medizin, Wissenschaft und Technik an humanitäre Normen zerstört worden. Auschwitz hat – zumindest für einen Augenblick – links wie rechts den Kapitalismus und seine „verbrecherische Machtpolitik“ (Ahlener Programm) in Verruf gebracht. Auch die ästhetische Kultur blieb nicht unbehelligt und sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, „barbarisch“ zu sein. Durch Auschwitz wurde der bis dahin unbestrittene anthropologische Wahrheitsgehalt vom Nutzen des Vergessens in Frage gestellt. Und nicht zuletzt: Auschwitz steht für ein neuartiges Gewaltverbrechen, mit dem man, wie  Hannah Arendt schon 1946 an Karl Jaspers schrieb, politisch und juristisch nicht mehr umgehen könne. Sie sprach von der „Schuld, die jenseits des Verbrechens steht“.

Gleichwohl mussten die Alliierten eine politisch-justizielle Form des Umgangs mit den Diktatur-Folgen finden. Sie war neuartig, mit neuen Zumutungen und neuem Unrecht verbunden, unter den Alliierten nicht unumstritten und erst recht nicht bei den Besiegten. Unproblematisch verlief lediglich die Entmilitarisierung. In der Frage der Demokratisierung standen sich anfangs zwei fundamental konträre Konzepte gegenüber:  ein radikaler Ansatz wie er etwa im „Buchenwalder Manifest“ zum Ausdruck kam, und ein konservativ-historischer, der über die Wiederherstellung zerstörter Institutionen und Normen des parlamentarisch-demokratischen Rechtsstaates nicht hinausdachte und sich durchsetzte. Nicht weniger umstritten war die Kernfrage der Entnazifizierung: Wie weit sollte, wie weit konnte man den Kreis der für den Nationalsozialismus und seine Verbrechen strafrechtlich, politisch, moralisch Verantwortlichen ziehen. Jene, die ausdrücklich eine Kollektivschuld der Deutschen verneinten und diesen Kreis auf die outlaws, die kriminellen Führungsgruppen beschränken wollten, setzten sich schon in Nürnberg durch. Aber wie groß waren dennoch die Vorbehalte auf deutscher Seite! Sei es, daß sie den Gleichheitsgrundsatz verletzt sahen, das tu quoque-Prinzip (die Luftbombardements der Alliierten wurden nicht verhandelt). Sei es, dass sie im Londoner Statut einen Verstoß gegen das nulla poena sine lege-Prinzip erkennen wollten. Tatsächlich waren Angriffskrieg und Zivilisationsverbrechen, völkervertragsrechtlich noch nicht kodifiziert. Aber seit dem Ersten Weltkrieg hatte man sich um ein weltweites Kriegsverbot verbot. Und in den Rechtsstaaten war längst geläufig, was wir das „zivilisatorische Minimum“ nennen.

Verschiedentlich wurde gefordert, die Nürnberger Angeklagten vor deutsche Gerichte zu stellen. Die Möglichkeit blieb ungenutzt. Desweiteren hätte der Parlamentarische Rat und auch der Bundestag, die Möglichkeit gehabt, den völkerstrafrechtlichen Vorgaben der Alliierten zu folgen. Die Ermittlung und Ahndung der Gewaltverbrechen wäre dann über Sondergesetze und Sondergerichte erfolgt, hätte sich nicht auf die fragwürdige Theorie der Kontinuität des deutschen Strafrechts und einer politisch gleichsam „gefesselten Justiz“ stützen müssen. Aber die Bundesrepublik hat sich nicht entscheiden mögen, diesen rechtspolitisch innovativen, aber auch konfliktträchtigen Weg zu gehen. Der Rechtsfrieden erschien wichtiger. Weimar durfte sich nicht wiederholen. Am Anfang stand keine Anamnese, sondern Amnesie und Amnestie.

Mit dieser Weichenstellung ist für Jahrzehnte die Entstehung eines gesellschaftlichen Bewusstseins für Art und Umfang der Gewaltverbrechen unter der totalitären Herrschaft blockiert worden. Dass dieses Ereignis in seiner eigentlichen Bedeutung lange nicht wahrgenommen wurde und auch namenlos blieb, erklären vor allem drei deutungspolitisch relevante Faktoren:

– Ein weit verbreitetes und schuldentlastendes Opferselbstbild. Unter der Erfahrung von Kriegsniederlage, umfassender Zerstörung, Flucht und Vertreibung, der Belastung durch materielles und gesundheitliches Elend, dem Verlust eines familiären Zusammenhalts und einer Zukunftsperspektive, der vielfach als ungerecht empfundenen Spruchkammerverfahren – unter all diesen Belastungen sahen sich Millionen Deutsche selbst als Verfolgte und Verlierer, als Gedemütigte und Getäuschte, mit einem Wort: als Opfer. Dass sie sich mit den beiden damals populärsten Figuren auf Bühne und Leinwand identifizierten, mit Wolfgang Borcherts Beckmann und Wolfgang Staudtes Dr. Mertens, schuldlos schuldig gewordene Kriegsheimkehrer wie sie, erscheint vor diesem Hintergrund sehr plausibel.

– Die Gleichsetzung von Kriegs- und Menschlichkeitsverbrechen. Dazu kam es, obwohl diese Unterscheidung im Londoner Statut eingeführt worden war. Nach der Erfahrung des Ersten Weltkrieges hatte für die  USA die Ächtung des Angriffskrieges Priorität. Für die Sowjetunion nicht. Die USA mussten deshalb bei den Zivilisationsverbrechen nachgeben, was dem Gerichtshof Beschränkungen auferlegte. Er war nur zuständig für Zivilisationsverbrechen, die im Zusammenhang mit Kriegshandlungen stehen. Der Judenmord erschien so als Folge von Kriegshandlungen, aber eben nicht als genuiner, rassenpolitischer Verbrechenskomplex.

Für das Bild von Auschwitz war das folgenschwer. Zwischen Kriegsverbrechen und Menschlichkeitsverbrechen wurde kaum mehr unterschieden. Die Ausdehnung des Begriffs War Crimes auf alle Arten nationalsozialistischer Straftaten machte die alliierten Strafverfahren in der deutschen Öffentlichkeit aber bald zu bloß politischen Prozessen. Als Anfang der 1950er Jahre die ersten als Kriegsverbrecher verurteilen Massenmörder begnadigt wurden, galten sie vielfach nur noch als „Kriegsverurteilte“, manchem gar schon als „Opfer der alliierten Militärgerichte“. Eine semantische Korrektur hatte die Verbrechen zunächst umgedeutet und nun ganz unkenntlich gemacht. Sozialdemokratische Rechtspolitiker wie Gustav Heinemann und Adolf Arndt haben sich wiederholt um eine Korrektur bemüht. Und in den siebziger Jahren erinnerte Sebastian Haffner in seinem Hitler-Buch noch einmal daran, dass es ein „Fehler der Siegermächte“ war, „Hitlers Massenmorde“ und die Kriegsverbrechen „in einen Topf“ zu werfen.

– Dass die Nürnberger Prozesse, die der deutschen und internationalen Öffentlichkeit erstmals und so nicht wiederholbar, den rassenpolitisch-militärisch-industriellen Verbrechenskomplexes vor Augen geführt hatten, ohne Nachhaltigkeit blieben, hat entscheidend auch mit den neuen außenpolitischen Optionen zu tun. Kalter Krieg und Antikommunismus, Westintegration und Wiederbewaffnung ermöglichten einen unerwarteten Rollentausch: vom Kriegsgegner und Verbrecherstaat zum umworbenen Bündnispartner und unentbehrlichen Frontstaat.

Integration und Wiedergutmachung

Vergangenheitsbewältigung war damit programmiert: Nach Innen sollte sie die soziale Integration einer hochkompromittierten Gesellschaft gewährleisten, und nach Außen die Rückgewinnung von internationaler Reputation Haftungsbereitschaft ermöglichen. Um zu ersten Verträgen zu kommen, bedurfte es allerdings einer konzertierten Aktion der Amerikaner, der israelischen Regierung und auf deutscher Seite des erst zögerlichen, dann entschlossenen Bundeskanzlers und des großen Engagements der SPD-Fraktion. Ohne ihre geschlossene Unterstützung wäre das Luxemburger Abkommen im Bundestag gescheitert.

Die Abkommen haben der Bundesrepublik zweifellos einen beachtlichen internationalen Prestigegewinn gebracht, zumal die DDR alle an sie gerichteten Ansprüche ablehnte. Das SED-Regime erklärte sich für Forderungen der Gläubiger-Staaten als nicht zuständig, hatte doch nach seinem Selbstverständnis das ‚antifaschistische Deutschland’ im Kampf gegen den ‚Hitler-Faschismus’ selbst die größten Opfer gebracht. Der Imagegewinn konnte allerdings die Mängel der Entschädigungsabkommen nicht überspielen. Zahlreiche Verfolgtengruppen waren zunächst ausgeschlossen. Die Zwangsarbeiter mussten aufgrund der Regelung im Londoner Schuldenabkommen auf eine Entschädigung bis zum Stiftungsgesetz ‚Erinnerung, Verantwortung, Zukunft’ warten, das der Bundestag im Sommer 2000 beschlossen hat.

Den voraussichtlichen Gesamtaufwand schätzten Fachleute in den fünfziger Jahren auf fünf bis zehn Milliarden Mark, eine gewaltige Summe im Vergleich etwa zum Bundeshaushalt mit seinem damaligen Volumen von 20 bis 25 Milliarden Mark. Niemand konnte voraussehen, dass sich der Entschädigungsprozess über einen Zeitraum von mehr als fünfzig Jahren hinziehen würde. Und niemand konnte ermessen, dass sich die Entschädigungsleistungen am Ende auf etwa 160 Milliarden Mark belaufen – und damit doch nur ein kleiner Teil der geschätzten mehr als 20 Millionen NS-Verfolgten eine finanzielle Zuwendung erhalten haben wird. Hätte man dies absehen können, wäre die Wiedergutmachung wohl schon im Ansatz steckengeblieben. Andererseits: Dass zunächst nur die deutschen Juden entschädigungsberechtigt waren, hat Art und Umfang des Judenmords nicht ins Blickfeld einer Gesellschaft gerückt, die sich anschickte, zur Wirtschaftswundergesellschaft zu mutieren und deshalb vor allem nach einem Schlussstrich unter die längst unpopuläre Vergangenheitsbewältigung verlangte.

Dem Wunsch nach Amnesie entsprach der Wille zur Amnestie. Davon profitierten Hunderttausende. Die größte Aufmerksamkeit und Anteilnahme fand jedoch die heftig umstrittene Frage der Begnadigung der verurteilten ‚Kriegsverbrecher’ und die der Rückkehr der aus ihren Positionen durch die Entnazifizierung ‚verdrängten’ etwa 450 000 Personen, von denen der weitaus größte Teil Berufsbeamte und Berufssoldaten waren. Als besonders schwierig erwies sich die Lösung der Kriegsverbrecherfrage. Die Amerikaner, befanden sich in einem Dilemma. Der Kalte Krieg hatte aus feindlichen Staaten Bündnispartner gemacht. Damit war kaum vereinbar, dass in den alliierten Gefängnissen hohe Wehrmachtsoffiziere als ‚Kriegsverbrecher’ einsaßen. Andererseits mussten sie den Eindruck zu vermeiden versuchen, dass eine Revision der Schuldsprüche als Rücknahme der Verurteilungen missverstanden würde. Zahlreiche Begnadigungen und Verkürzungen von Zeitstrafen durch den Hohen US-Kommissar John McCloy haben das anfangs grassierende ‚Gnadenfieber’ beruhigt. Im Frühsommer 1958 wurden die letzten Häftlinge aus dem Landsberger Gefängnis entlassen, darunter immerhin drei im Nürnberger Einsatzgruppenprozess zum Tode verurteilte SS-Oberführer.

Der Mythos von der ‚sauberen Wehrmacht’, der sich in diesem Jahrzehnt festigte, und den ich hier nur streifen kann, hat viele Väter. Schon die Auflösung der Wehrmacht war mit einer Art „negativen Anerkennung“ verbunden. Der ‚halbe Freispruch’ des Nürnberger Tribunals vom Vorwurf, eine ‚verbrecherische Organisation’ zu sein, stellte die Weiche. Ehrenerklärungen Adenauers und Eisenhower folgten. Publizistische und visuelle Umdeutungen kamen hinzu. Nicht wenige Theaterstücke, Bücher und Filme der Zeit haben ein unterhaltsam und beruhigend geschöntes Bild vom Krieg und der Wehrmacht entstehen lassen. Carl Zuckmayers heroisch-tragisch endender Teufels General bestätigte, wie ein zeitgenössischer Kommentar festhält, zwei verbreitete Auffassungen der Zeit: „Der Nationalsozialismus kann nicht erklärt, sondern nur kopfschüttelnd verurteilt werden, und der deutsche Soldat ist unabhängig von der Politik, der er zum Siege verhilft, ein großartiger Kerl. Dieses Selbstbild bekräftigte auch Heinz Konsaliks Arzt von Stalingrad, der aus einer militärischen Niederlage einen Triumph deutscher humanitärer Gesinnung machte, einen Triumph, in der Hochzeit des Kalten Krieges, über russische Unmenschlichkeit. Und Frank Wisbars von der Kritik hochgelobter Stalingrad-Film zeigt den Wehrmachtssoldaten als gehorsamen Befehlsempfänger, als Verwundeten, Sterbenden, als passives Opfer, als Angreifer, als Eroberer, als zum Töten ausgebildeter Kämpfer bleibt er blass. Die Vorgeschichte der 6.Armee unter dem Paulus-Vorgänger Reichenau kam darin nicht vor. So wenig wie umgekehrt zuletzt von Stalingrad die Rede war, als es darum ging, die Beteiligung der 6.Armee am Vernichtungskrieg gegen die jüdische Zivilbevölkerung der Ukraine zu dokumentieren. Dass Täter Opfer und Opfer Täter sein können, passte damals so wenig wie heute in ein nach Vereinfachung und moralischer Eindeutigkeit verlangendes Geschichtsbild.

Aber nicht nur diese Seite der Vergangenheit erhielt ein versöhnlich-geschöntes Gesicht. Mitte der fünfziger Jahre erschien das Tagebuch von Anne Frank in einer deutschen Taschenbuchausgabe. Millionen sahen den amerikanischen Spielfilm und die Bühnenfassung. Durch sie wurde der Judenmord erstmals zu einem Medienereignis. Die abstrakte Anonymität der großen Zahl bekam durch sie ein menschliches Gesicht, der Massenmord eine erste, anrührende Opferikone. Sie war in aller Munde. Und ihre vorgebliche Botschaft auch, ihr trotz allem ungebrochener Glaube an „das Gute im Menschen“. Eine tröstliche Botschaft im Land der noch zahlreichen Täter, und eine bequeme Botschaft auch. Das tote Opfer konnte sich ja nicht gegen die Vereinnahmung und Kommerzialisierung wehren und durfte überdies Jahr für Jahr wieder auferstehen.

Die Gegenwart der Vergangenheit

Zugleich ging eine rechtsextremistische Welle durch das Land. Umfrageergebnisse zeigten zwar, dass die positiven Einstellungen zu Hitler als Staatsmann und zum Nationalsozialismus als Idee in dem Maße rückläufig waren wie die Akzeptanz der Bundesrepublik im Wiederaufbau und beginnenden ‚Wirtschaftswunder’ zunahm. Aber die gewünschte Stille um die NS-Vergangenheit trat nicht ein. Antisemitische und neonazistische Vorfälle, Schändungen jüdischer Friedhöfe, Verunglimpfungen von NS-Verfolgten und Widerstandskämpfern beschäftigten Öffentlichkeit, Politik und Gerichte.  Die Rückkehr zu Rechtsstaatlichkeit und Demokratie stand noch auf dem Prüfstand. Vom Verbot der altnazistischen SRP, dem spektakulären Braunschweiger Remer-Prozess, bis zu dem nach jahrelanger Auseinandersetzung im Streitfall Harlan-Lüth 1958 ergangenen wegweisenden Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Meinungsfreiheit. Und schließlich, gegen Ende des Jahrzehnts, der aus einem Zufall entstandene Ulmer Einsatzgruppenprozess, sowie die Hakenkreuzschmierereien von zwei jugendlichen Tätern an der kurz zuvor von Konrad Adenauer eingeweihten Kölner Synagoge am Heiligabend 1959.

Das politische System reagierte nun prompt und entschieden. Bereits am 1.Dezember 1958 hatte in Ludwigsburg die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen ihre Arbeit aufgenommen. Anfang 1960 verabschiedete der Bundestag das zunächst nicht unumstrittene ‚Gesetz gegen Volksverhetzung’. Die Kultusministerkonferenz wurde aktiv, Funk und Fernsehen engagierten sich, ebenso die Bundeszentrale für Heimatdienst. Auch bürgerschaftliches Engagement wurde aktiviert. Heinrich Böll und Mitglieder der Gruppe 47 gründeten den Verein ‚Germania Judaica’. Die Aktion Sühnezeichen wurde ins Leben gerufen.

Kurz bevor die fünfzehnjährige Verjährungsfrist für Totschlagsdelikte ablief, erhielt die Zentralstelle Dokumente aus Polen. Sie führten zu neuen Vorermittlungen. Auch das Internationale Auschwitz-Komitee appellierte an Bundesregierung und Bundestagsfraktionen, dafür zu sorgen, dass auch zukünftig SS-Angehörige für Misshandlungen von Häftlingen mit Todesfolge strafrechtlich belangt werden können. Die Mehrheit des Bundestages lehnte dies ab. Fünfzehn Jahre nach Kriegsende war der Rechtsfrieden immer noch wichtiger als eine grundlegende Debatte über den Judenmord. Der Zufall wollte es, dass am Tag dieser ersten Verjährungsdebatte, dem 24. Mai 1960, eine sensationelle Nachricht um die Welt ging. Der israelische Geheimdienst, so die internationale Presse, habe aus Argentinien den früheren SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann entführt.

Der Jerusalemer Eichmann-Prozess machte durch Hannah Arendts Bericht über die „Banalität des Bösen“ erstmals auf den bürokratischen Charakter des Judenmords und seiner Täter aufmerksam. Sie provozierte allerdings nicht nur durch die Entdämonisierung der Massenmörder, sie provozierte auch durch ihren Vorwurf, dass insbesondere die Judenräte für den Vollzug der ‚Endlösung’ mitverantwortlich seien. Die von ihr ausgelöste Kontroverse hat hierzulande allerdings einen sehr viel geringeren Widerhall gefunden als in Israel und in den USA. Was umso erstaunlicher ist, als wenig später der Frankfurter Auschwitz-Prozess und die zweite Verjährungsdebatte die deutsche Öffentlichkeit, monatelang mit der Vernichtungsfabrik Auschwitz und dem bürgerlich-unauffälligen Massenmordpersonal konfrontierte, den Angestellten und Ärzten, Kaufleuten und Krankenpflegern.

In dieser Zeit verstärkten die Organisationen ehemaliger KZ-Häftlinge ihre Bemühungen, an den Orten ihres Leidens und Sterbens Gedenkstätten zu errichten. Die DDR hatte damit früher begonnen, freilich aus dem Motiv, ihren antifaschistischen Gründungsmythos heroisch in Szene zu setzen.

Weder in der politischen Öffentlichkeit noch fachwissenschaftlich entstand, was nun doch nahegelegen hätte: eine Diskussion über die rassenpolitischen Gewaltverbrechen der Hitler-Diktatur, die im Zentrum jeder deutschen Selbstverständnisdebatte stehen müssen. Die Frankfurter Prozessgutachten über die „Anatomie des SS-Staates“ und die grundlegende Studie von Herbert Jäger erreichten die Öffentlichkeit nicht, blieben aber auch innerwissenschaftlich ohne Anschluss. So wie in den fünfziger Jahren Martin Broszats verdienstvolle Edition der Höß-Autobiographie folgenlos geblieben war. Auch die stark involvierte ästhetische Kultur, voran das neue Dokumentartheater, hat keine Täterdebatte ausgelöst. Das weltweit bekannt gewordene Theaterstück, die „Ermittlung“ von Peter Weiss, hatte dafür überhaupt keinen Blick. Der bekennende Sozialist und deutsche Jude interessierte sich vor allem für den Zusammenhang von Kapitalismus und Faschismus – wie wenig später die Studentenbewegung.

Die NS-Debatte der 68er ist aus zwei Antrieben gespeist worden. Dominant war ihr theoretisch-abstraktes Interesse an der Geschichte, das den Nationalsozialismus kapitalismuskritisch deutete, weshalb auch die Bundesrepublik unter Faschismusverdacht geriet und ihre bis dahin geleistete Vergangenheitsbewältigung unter ein pauschales Verdikt fiel. Ihr zweites Motiv war biographischer Natur und verbiß sich in einen unversöhnlichen Generationenkonflikt. Abermals gelang nicht, was im Generationenwechsel überfällig gewesen wäre. Abstraktion von der Geschichte und moralischer Rigorismus im Umgang mit Tätern und Opfern waren keine günstigen Voraussetzungen, zum Kern der NS-Herrschaft vorzudringen – im funktionalisierenden Kontext von Antiamerikanismus, Israelkritik und  Kaltem Krieg konnten sie es nicht sein.

Zu Beginn der zweiten Staatsgründung war die Rekonstruktion des Rechtsstaates und der Institutionen der parlamentarisch-parteienstaatlichen Demokratie im Wesentlichen abgeschlossen und die Demokratisierung der politischen Kultur in vollem Gange. Dank der geschichtspolitischen Offensive Gustav Heinemanns richtete sich, der Blick des öffentlich organisierten Geschichtsbewusstseins, zögerlich und nicht unumstritten, nun auch auf die vormärzlich-demokratischen Anfänge des deutschen Nationalstaates. Willy Brandts Kniefall vor dem Mahnmal für den jüdischen Aufstand im Warschauer Ghetto machte weltweit sinnfällig, was der erste sozialdemokratische Kanzler der Bundesrepublik meinte, als er erklärte, dass die Bundesregierung „die Ergebnisse der Geschichte annähme“ und Auschwitz noch für Generationen ein Trauma bleiben würde. Zugleich rächte sich nun aber auch, dass es über dieses Trauma nie eine breite gesellschaftliche Diskussion gegeben hatte. Nichts verdeutlicht das besser als die vierte Verjährungsdebatte mit der Rede Werner Maihofers. „Über Mord wächst irgendwann einmal Gras, im Regelfall schon nach einer Generation. Über Auschwitz aber wächst kein Gras, noch nicht einmal in einhundert Generationen“, rief der damalige FDP-Abgeordnete seinen Kollegen beschwörend zu. Die Mehrheit des Bundestages, aufgeputscht durch den Majdanek-Prozess und den „Holocaust“-Fernsehfilm, ließ sich jedoch nicht davon abbringen, die bereits gesetzlich fixierte Unterscheidung zwischen einfachem Mord und dem seit 1969 unverjährbaren Völkermord wieder aufzuheben und beides für unverjährbar zu erklären. 1960, in der ersten Debatte, hatte der Bundestag das Problem verkannt, jetzt, zwanzig Jahre später, verkannte er es wieder, wenn auch geradezu aus entgegengesetzter Motivation.

Die Vergangenheit wird Geschichte

Alle Debatten, die jetzt folgten, kreisten, wie nie zuvor, um die nun unglücklich  „Holocaust“ genannten NS-Gewaltverbrechen. Die Gesellschaft lernte, sie als das Wesensmerkmal des Nationalsozialismus zu erkennen und anzuerkennen.

Den Anfang machte der Historiker-Streit. Sein politischer Kontext war durch den legitimationskritischen Konflikt zwischen Außen- und Innenpolitik vorgegeben. Die Kohl-Regierung versuchte, die mangelnde innenpolitische Unterstützung für den NATO-Doppelbeschluss durch internationale Aufwertung der Bundesrepublik auszugleichen. Zugleich wurde sie geschichtspolitisch offensiv und bemühte sich, die durch Nationalsozialismus und Weltkrieg verschuldete Sonderstellung Deutschlands aufzuheben. Das ist bekanntlich missglückt, aber die Folgen waren höchst ambivalent. Der Historiker-Streit führte zu einer Stärkung der Singularitätsthese, aber auch zu einer Art Vergleichsverbot. Die sich anschließende, zwischen Martin Broszat und Saul Friedländer geführte Historisierungsdebatte führte weiter. Sie fragten, ob man die Zeit vor 1933 auf eine „Vorgeschichte von Auschwitz“ reduzieren dürfe, und wie sich diese Geschichte jeweils für die Opfer und Täter des Judenmords darstellt. Nun erst begann eine eigene deutsche Erforschung des Judenmords. Die Studien von Götz Aly bis zu Michael Wildt, um nur sie zu nennen, zielen auf das, was bisher fehlte, eine Gesellschaftsgeschichte der Täter und ihrer Verbrechen. Sie haben aber, wenn ich es recht sehe, eine breitere öffentliche Debatte nicht mehr oder noch nicht erreicht und insofern  auch die pauschal-polemischen Überzeichnungen nicht korrigieren können, die Gegenstand der täterorientierten Debatten um Goldhagen und die Wehrmachtsausstellung waren.

Auch dem Bitburg-Debakel kann man eine geschichtspolitisch vorteilhafte Seite abgewinnen, insofern das deutsch-amerikanische Versöhnungszeremoniell, das alle toten Weltkriegssoldaten einschließen sollte, durch die berühmte Weizsäcker-Rede vom 8.Mai 1985 korrigiert wurde. Die Gesellschaft konnte eine weitere Lektion lernen, das historische Komplexität und Pietät gegenüber den ermordeten Toten dem Verlangen nach integrativer Verallgemeinerung im Totengedenken Grenzen setzen. Andererseits blieb aber das überfällige präsidiale Differenzierungsplädoyer abstrakt oder halbherzig. Es nahm Rücksicht auf bestehende Tabus und Empfindlichkeiten der Gesellschaft. So bekräftigte von Weizsäcker, was die Deutschen seit Adenauers Zeit immer wieder beruhigt hat, dass die Ausführung des Verbrechens in der Hand weniger lag. Auch sprach er vom „menschenverachtenden System“ des NS-Regimes, vom „Faszinosum Hitler“ sprach er nicht. Das tat drei Jahre später Bundestagspräsident Philipp Jenninger, der dafür, als hätte er Hochverrat begangen, sogleich politisch bestraft und noch am Tag seiner Gedenktagsrede aus dem Amt gejagt wurde, während er anderntags in den Zeitungen von Tel Aviv bis New York viel Zustimmung und Anerkennung erhielt. „Denounced for the truth“ schrieb die London Times zu einer der wohl schwärzesten Stunden des deutschen Nachkriegsparlamentarismus.

Im Streit um die Neue Wache wiederholte sich wenige Jahre später in gewisser Weise der Bitburg-Skandal. Abermals sollte durch eine versöhnliche, symbolisch-integrative Denkmalsetzung die ursprünglich unversöhnliche Differenz zwischen den verschiedenen Gruppen gewaltsam Gestorbener – Verfolgten, Tätern und Täteropfern – ignoriert und in einem Akt pietätvoller Ehrung nivelliert werden. Abermals wollte das eine kritische Öffentlichkeit nicht akzeptieren, konnte dies aber, weil die Opposition ungeschickt bzw. zu spät agierte, nicht mehr korrigieren, jedenfalls nicht in der zentralen ästhetisch-symbolischen Aussage der Kollwitz-Pietà.

Bei der Goldhagen-Debatte und bei der Auseinandersetzung um die Wehrmachtsausstellung ging es um Verallgemeinerung und Differenzierung hinsichtlich der Tätermotivation und der Tatbeteiligung. Wieder war es im Kern keine identitätspolitische, sondern nur eine integrationspolitische Debatte, die geführt wurde: Wie hoch ist die Ambiguitätstoleranz der Gesellschaft, wie viel Differenzierung in ihrem Geschichtsbild erträgt oder verlangt sie, und wie viel Vereinfachung und Vereinheitlichung braucht sie – auch noch nach Jahrzehnten? Alfred Dregger, der Ehrenvorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, hat diesen Punkt sehr genau getroffen, als er in der Bundestagsdebatte erregt ausrief: „Wer die Generationen trennt, trifft die Nation in ihrem Kern.“ Er erinnerte damit daran, um welchen Preis der soziale Wandel nach 1945 geglückt war und mit ihm die  soziale Integration einer hochkompromittierten und heterogen Gesellschaft der Täter, Gehilfen und Mitläufer, der KZ-Häftlinge, Widerstandskämpfer und Emigranten, der Kriegsheimkehrer, Flüchtlinge und Bombenopfer.

Die Selbstverständnisdebatte die damals nicht möglich war, ist auch in den neunziger Jahren nicht geführt, allenfalls berührt worden. Denn in der nachholenden Identifizierung mit Tätern und Opfern, dominierte tendenziell der emotional ganz unverfängliche und positiv besetzte Umgang mit den Verfolgten und den Überlebenden der Gewaltverbrechen. Das Geheimnis des Erfolgsfilms „Schindlers Liste“. Der nur sekundär betroffenen jüngeren Generation ermöglichte er ein emotionalisierendes Ereignis, und mit dem Hollywood-Happy-End bot er ihr auch noch eine konkrete Lehre an: Das Böse ist besiegbar. Die Überlebenden und ihre Retter wurden wichtiger als die Ermordeten und die toten Täter.

Längst hatte eine zunächst kaum merkliche Verschiebung des öffentlichen Blickpunktes auf die Geschichte begonnen. Dem Zyklus der fünfzigsten Gedenkjahre folgend hat er sich seit den frühen 1980er Jahren von der Vorgeschichte des Nationalsozialismus ab- und mehr und mehr dem Ende zugewandt: dem Krieg und den Verbrechen, der Vertreibung, dem Zusammenbruch, der Befreiung der Lager, der Rettung der Holocaust-Überlebenden und schließlich der Rückkehr Deutschlands in die westliche Staatengemeinschaft als Beginn eines so erfolgreichen Transformationsprozesses.

Etwa 15 Jahre hatte es nach dem Krieg gebraucht, die Gewaltverbrechen in das historische Bewusstsein der Deutschen zu holen, aus dem sie bald nach Nürnberg entschwunden waren. Jetzt begann sich dieses Kernthema abermals zu verflüchtigen, begünstigt durch eine Tendenz, die im Zuge der auch kommerziell motivierten Amerikanisierung des Holocaust und der Globalisierung des Gedenkens Auschwitz inzwischen zur Schreckens-Universalie gemacht. Dieser Sog begünstigt einen abermaligen Realitätsverlust und eine Entnationalisierung unsers historischen Bewusstseins. Zu allem Überfluss hat uns diese Blickverkürzung nun auch noch eine Neuauflage der Debatte über die deutschen Opfer des Zweiten Weltkrieges beschert. Aber das nur am Rande, sonst wird es wirklich noch politisch!

Den i-Punkt in der angesprochenen Verschiebung des historischen Blickfeldes mit der tendenziellen Überfixierung auf die jüdischen Opfer hat die lange Debatte um das sog. Holocaust-Mahnmal gesetzt. Ein zentrales Trauermal für die ermordeten Juden Europas im Land der Täter als einem für die Nation repräsentativen Erinnerungszeichen, steht vor einem Dilemma. Es kann aus dem negativen Fixpunkt des nationalen Gedächtnisses keinen positiven machen. Es kann deshalb nur zu einem gesellschaftlich kaum konsensfähigen „Schandmal“ (Chr.Meier) geraten oder zu einer verlogenen Geste. Diesem Dilemma ist der Entwurf des amerikanisch-jüdischen Architekten Peter Eisenman nicht entgangen.

Der Bundestagsbeschluss hat dem Mahnmal eine zweifache erinnerungspolitische Aufgabe aufgeladen. Auch das vereinte Deutschland müsse sich dauerhaft zur historischen Schuld Deutschlands bekennen, was insbesondere durch ein öffentliches Erinnerungszeichen an zentraler Stelle sichtbar gemacht werden könne. Andernfalls würde sich die längst begonnene Rückgewinnung eines umfassenderen Horizonts im historischen Bewusstsein dem Verdacht einer revisionistischen Sicht auf die Vergangenheit und einer Verharmlosung der Gewaltverbrechen Hitler-Deutschlands aussetzen. Daraus lässt sich allerdings nicht ableiten, dass dem Ort der Opfer, jedenfalls in dem Land, aus dem die Täter kamen, ein zentraler Ort der Täter voranstehen und vorangehen muss, denn schließlich sind die europäischen Juden ja nicht einer Naturkatastrophe zum Opfer gefallen, sondern einem staatlich und industriell organisierten Großverbrechen im Rahmen eines Weltanschauungskrieges.

Tatsächlich ist aber nun der zentrale Täter-Erinnerungsort, die Topographie des Terrors, in dem Maße geschichtspolitisch ins Abseits geraten, in dem das Holocaust-Mahnmal öffentliche Aufmerksamkeit und finanzielle Mittel beansprucht hat. Andererseits konkurriert in der Hauptstadt das Holocaust-Mahnmal mit einer Vielzahl längst vorhandener Erinnerungsorte, die beispielsweise am Standort von einstigen Synagogen, S-Bahnhöfen oder jüdischen Friedhöfen die Diskriminierung, Vertreibung und Deportation der jüdischen Mitbürger dokumentieren und das unter hohem denkmalkünstlerischen Anspruch tun. Diese Orte haben nun aber ihren gemeinsamen Bezug nicht im Holocaust-Mahnmal, übrigens einer schlechten Kopie von Treblinka, sondern im Organisations- und Befehlszentrum des Verwaltungsmassenmordes, der Topographie an der einstigen Prinz-Albrecht-Straße im Regierungsviertel der Wilhelmstrasse.

Dort ist der zentrale öffentliche Vermittlungsort für eine tat- und täterbezogene Darstellung des Judenmords. Dort ist der zentrale Ort, den nachwachsenden Generationen verstehbar zu machen, wie in Deutschland wann und unter welchen Bedingungen Menschen zu Tätern wurden und wie sie in nicht geringer Zahl nach 1945 wieder zu bürgerlicher Reputation kamen. Dort wäre dann auch der zentrale öffentliche Ort darüber aufzuklären, dass sich der Judenmord weder zwangsläufig in Deutschland ereignet hat, noch zufällig, vielmehr Teil seiner Geschichte und ihrer konfliktreichen, von Brüchen und Widersprüchen geprägten Dynamik war.

Daraus resultieren die beiden wohl entscheidenden Fragen, ohne deren gesellschaftliche Erörterung ein deutsches Selbstverständnis nicht zu gewinnen ist: Warum konnte Hitler nicht verhindert werden, und warum hat der Judenmord gerade in Deutschland stattgefunden. Diese Fragen hätten zum Kern deutschen Selbstverständnisses führen können. Dreimal – nach 1949, nach 1969 und nach 1989 bestand die Möglichkeit, wenn auch unter mal mehr, mal weniger restriktiven politischen Rahmenbedingungen, nach den historisch-gesellschaftlichen Grundlagen zu fragen, aus denen die Hitler-Diktatur und ihr modern-antimodernes Doppelgesicht erklärbar sind, aber eben auch von der Gesellschaft verstanden werden müssen, will sie denn ein historisch-kritisches Bild von sich gewinnen, in das der negative Fixpunkt Auschwitz integrierbar wird.

 

Hinweis:

Ich habe den Vortragscharakter nicht verändert und auf Anmerkungen sowie Literaturhinweise verzichtet. Die Zitate im Text finden sich, zusammen mit vertiefenden Ausführungen, in meinen beiden letzten Büchern zur zweiten Geschichte des Nationalsozialismus und in zwei Aufsätzen aus jüngerer Zeit – über Auschwitz bzw. über den Holocaust in verschiedenen außerdeutschen Erinnerungskulturen.

Peter Reichel, Vergangenheitsbewältigung in Deutschland. Die politisch-jnstitutionelle Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur nach 1945, Lizenzausg. d. Bundeszentrale f. politische Bildung Bonn 2003 (1. Aufl. München 2001)

Ders., Erfundene Erinnerung. Weltkrieg und Judenmord in Film und Theater, München 2004

Ders., Nach dem Verbrechen. Nationale Erinnerungen an Weltkrieg und Judenmord, in: Holocaust. Der nationalsozialistische Völkermord und die Motive seiner Erinnerung, hrsg. von Burkhard Asmuss im Auftrag des Deutschen Historischen Museums Berlin, Berlin 2002, S. 215-238 (Ausstellungskatalog)

Ders., Auschwitz, in: Etienne Francois/Hagen Schulze (Hg.), Deutsche Erinnerungsorte. Eine Auswahl, München 2005, S. 309-331

 

Peter Reichel ist Politikwissenschaftler. Seine dreibändige Darstellung des politisch-kulturellen Umgangs der Bundesrepublik mit der NS-Vergangenheit ist ein Standardwerk für die Auseinandersetzung mit dem Umgang mit der NS-Geschichte in der Bundesrepublik.

 

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1 Comments

Johnf884
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